MOTIVATION

Mach etwas Handgemachtes

 

 
 

 
Ich kann nicht genau sagen warum; aber ich habe schon seit einer halten Ewigkeit keine Zeichnung mehr angefertigt.
 

 
Im ersten und zweiten Semester meines Studiums an der Hochschule für Gestaltung, hatte ich das Pflichtseminar „Zeichnen“, bzw. „Illustration“. Gemeinsam mit mir saßen Kommilitonen in diesem Seminar, die zum Teil überdurchschnittlich gut zeichnen konnten. Der Professor gab uns jungen Studenten unterschiedliche Themen zur Auswahl (Obst oder Landschaften), die wir in Form Zeichnungen bearbeiten sollten. Ein Thema war beispielweise „Die Stadt bei Nacht“. Ich erinnere mich daran, dass einige meiner Mitstudenten großartige und detailreiche Zeichnungen mit Tinte und Tusche angefertigt hatten. Fotorealistisches Kopfsteinpflaster wurde illustriert. Laternenlicht und Schattenwurf. Mond und Sterne und Spiegelungen in nächtlichen Pfützen. Ich kam mir vor wir ein Grundschüler in der zweiten Klasse. Denn ich wusste, dass ich niemals so zeichnen können werden, wie meine hochbegabten Kommilitonen. Jeder Versuch „Meine Stadt bei Nacht“ zu illustrieren, war zum Scheitern verurteilt. Und der Professor sagte stets die gleichen Worte zu mir: „ Sie müssen noch ein wenig an Ihren Stil arbeiten, Herr Frerix.“ Nach einigen Wochen sass ich Abends in meinen kleinen WG-Zimmer und habe aus Frust eine simple Illustration mit einem schwarzen Fineliner angefertigt. Einige dünne Striche umrahmt von einem Quadrat:
 

 
 

 
Genau auf diese simple Art und Weise, habe ich anschliessend alle Themen des Seminars „Illustration“ abgearbeitet. Das Obst und das Gemüse. Die Landschaften und die Pflanzen. Einige Monate später, kurz vor dem Semesterferien, wurden die Noten verteilt. Zwei Studenten wären durchgefallen, hiess es. Zu meinem Erstaunen jedoch, wurden meine Leistungen nicht mit einem Ungenügend bewertet, sondern mit einem Gut. Der Professor erkläre mir, er habe meine frühen Illustrationen, die bei denen ich versucht hatte, meine begabten Kommilitonen zu imitieren, mit einer schwachen Ausreichend bewertet. Meine späteren, vereinfachten Arbeiten wiederum mit einer Sehr Gut. Vor allem die überdurchschnittlich simple Illustration „Stadt bei Nacht“ hatte ihm besonders gut gefallen. In diesem Augenblick hatte ich verstanden worum es geht bei der Kunst. Es geht nicht darum, dass man perfekte Kopfsteinpflastersteine zeichnet und fotorealistische Spiegelungen in Pfützen. Es geht in der Kunst vielmehr darum, dass man seinen eigenen Stil findet. Und, dass man versucht nicht darauf zu achten, was die anderen sagen und tun. Einzig und allein die eigenen Fähigkeiten müssen in den Vordergrund gerückt werden. Das war es, was ich von dem wunderbaren Professor Dieter Lincke gelernt habe.
 

 
 

 
Jahre nach diesem Seminar, zeichne ich heute noch immer gern. Vor allem in Phasen, in denen ich in einem kreativen Burnout, in einem schöpferischen Loch stecke. Ich zeichne, wenn ich nicht weiss, worüber ich schreiben soll. Und Ich zeichne, wenn ich nicht weiss, von was mein nächster Film handeln soll. In der Regel zeichne ich immer abends gegen 21 Uhr. Dann produziere ich eine simple Zeichnung, auf meine Art und Weise. Ich versuche darauf zu achten, mich während des Prozesses weniger auf den Inhalt der Illustration, als vielmehr auf deren Formen und Stiche zu konzentrieren. In die Zeichnungen, schreibe ich zudem häufig Worte und spontane Textfragmente hinein. Der kreative Prozess verläuft vollkommen plan- und konzeptlos. Interessanterweise werden bei durch diese Vorgehensweise, mein Output und meine Motivation angekurbelt.
 

 
Ich habe einmal gelesen, dass Menschen, die viel am Computer arbeiten, empfohlen wird, zum mentalen und körperlichen Ausgleich einem Hobby nach zu gehen, welches verstärkt Handarbeit beinhaltet. Basteln oder Tischlern. Oder Malen und Zeichnen. Für mich ist das Zeichnen mit der Hand so etwas wie das Öl im Motor meiner eigenen Kreativität.
 

 
 

 
Die plastische und haptische Arbeit mit den Händen verändert irgendetwas in meinem Gehirn. Der Buntstift aus Holz. Der Anspitzer. Das Papier. Berührungen, die mich A) wissen lassen, dass ich im hier und jetzt bin und mir B) einen enormen Energieschub geben.
 

 
 

 
 

 
Wenn ich zeichne habe ich das Gefühl, dass ich wachse. Und nicht nur der Stapel mit meinen Zeichnungen wächst. Sondern alles in meinem Leben.