MINIMALISMUS IM KOPF

Immer wieder von vorne anfangen

 

 
 

 
Früher dachte ich, das Leben wäre eine relativ gerade Linie. Was ich aber festgestellt habe ist, dass das Leben vielmehr aus Blöcken besteht. Zumindest mein Leben. Und, dass ich am besten fahre, wenn ich nach jedem Block für mich selbst erkenne, dass die Karten jedes mal neu gemischt werden. Dass die Zahlen jedes mal immer wieder auf Null zurück gehen. Kurz: Dass alles zurück auf Anfang geht.
 

 
In meiner Schulzeit war ich eine totale Vollpfeife. Ich bin zwar nur einmal sitzen geblieben, dafür aber jedes Schuljahr fast. Meine Eltern haben ständig Blaue Briefe bekommen und in Mathe hatte ich stets nur 5en. Mein Fachabitur habe ich am Ende meiner Zeit auf dem Gymnasium nur mit Ach und Krach und mithilfe von sehr netten Lehrern bekommen. In meiner Schulzeit hatte ich speziellen Ruf, denke ich heute. Nämlich den eines schlechten Schülers. Eines Schülers. der im Unterricht nicht gut mitarbeitet und keinerlei Verständnis für Zahlen mitbringt.
 

 
 

 
In meiner Studentenzeit an der Hochschule für Gestaltung war es wiederum so, dass ich das Gefühl hatte, dass ich in dem was ich tue gut bin. Ich habe gute Kurzfilme gedreht und habe einige Filmpreise gewonnen. Ich hatte, anders als auf dem Gymnasium, nicht mehr das Gefühl der ultimative Voll-Loser zu sein. Ich wurde plötzlich ernst genommen und dachte meine „Linie“ würde ab sofort konstant und steil nach oben schiessen. Mit dieser Selbstwahrnehmung und sehr hohen Erwartungen bin ich am Ende meines Studiums nach Berlin gezogen. Denn ich dachte, die Filmaufträge würden nun ganz von selbst kommen. Immerhin war ich ja ein sehr guter Filmstudent und meine „Linie“ ging bergauf.
 

 
 

 
Was ich damals nicht verstanden hatte war, dass ich im Moment des „Studium-Verlassens“ in der Berufswelt komplett von vorne anfangen musste. Genau wie ich nach meiner Schulzeit ebenfalls von vorne hatte angefangen müssen. Ich hatte nicht verstanden, dass das Gefühl der Selbstüberschätzung die Gefahr eines Selbstwertverlustes mit sich bringt.
 

 
Aber dennoch. Es macht irgendwie Spass. Wie soll man es nennen? Ich meine dieses „Scheisse fressen“. Es vermittelt das Gefühl von „Zähne zusammenbeissen“. Immer dann, wenn ich einen Filmauftrag realisiere auf den ich A) wenig Lust habe und B) für den ich unter Umständen sogar schlecht bezahlt werde, wächst in mir das Gefühl von Wachstum. Denn langsam und stetig beginnt meine „Linie“ wieder anzusteigen.
 

 
 

 
Heute bin ich der Meinung, dass meine eigene Selbstwahrnehmung, bedingt durch die einzelnen Lebensphasen, zu einem gefährlichen „Gegenspieler“ werden kann. Denn der Einfluss von Aussen, die Art und Weise wie Menschen über mich urteilen und die Art und Weise wie ich mich selbst wahr nehme, nehmen mir in neuen Phasen häufig die Sicht aufs Wesentliche. Darum denke ich, es ist sinnvoller, wenn ich versuche mir klar zu machen, dass ich stets und permanent bei Null anfangen muss.
 

 
 


 
Meine Leben ist keine Linie. Es besteht aus Blöcken. Wobei ich auch hier nicht zu 100% unterscheiden kann zwischen Schulzeit – Studium – Poststudium – Berufswelt. Denn im Grunde genommen muss ich an jedem neuen Tag meine (Lebens-) Karten neu mischen. Schlafen und wieder aufwachen; und alles ist bei Null. Die Zahlen stehen auf Zero. Ich beginne von vorn. Wieder und wieder.