AUTHENTISCH SEIN

Warum du es nicht brauchst

 

 
 

 
Wie du in drei Schritten authentisch wirst. Genau darum soll es in diesem Video nicht gehen. Au·then·ti·zi·tät. Ich finde dieses Wort so dermaßen schwer auszusprechen, dass mir dieses Thema schon jetzt furchtbar auf die Nerven geht. Und als Anmerkung: Es geht in diesem Video nicht darum, eine Gesellschaftskritik oder ähnliches zu üben. Sondern es geht mir darum, dass ich versuchen möchte, einige bestehende Ideale, oder besser: Zwänge, zu hinterfragen.
 

 
Es kommt mir so vor, als würde sich vor allem im Internet eine Art Wahn breit machen, dass man stets authentisch sein müsse. Dass man stets, man selbst sein müsse. Dass man stets auf eine Gewisse Art und Weise sein müsse, um den anderen zu gefallen.

Vor einigen Jahren habe ich einmal ein wirklich beeindruckendes Interview mit Dirk von Lowtzow, dem Sänger der Hamburger Band Tocotronic im Radio gehört. Und dieses Interview hat mich wirklich geflasht. In der Sendung fragt der Radiomoderator den Sänger von Tocotronic, ob das neue Album authentischer wäre, als das Album zuvor. Ich habe zu 100% damit gerechnet, dass Dirk von Lowtzow so etwas antworten würde wie „Natürlich ist unser neues Album authentischer und ehrlicher als das zuvor. Es ist das authentischste Album aller Zeiten.“ Zu meiner Verwunderung hat Dirk von Lowtzow jedoch genauso nicht geantwortet. Ganz im Gegenteil. Er hat so etwas gesagt wie: „Keine Ahnung. Wieso muss immer alles so authentisch sein? Warum muss alles was wir tun stets authentisch sein? Warum muss die Musik von Musikern immer authentisch sein? Warum immer dieser Wahn nach Authentizität? Ist der Inhalt nicht viel, viel wichtiger?“ Und das, diese Art und Weise zu denken, hat mich damals total befreit. Denn ich dachte stets, man müsse in jeder Lebenslage und in allem was man tut möglichst authentisch sein. Und jetzt sagt dieser Typ im Radio einfach „Nö. Muss man nicht. Musik ist Kunst. Sie ist ein Produkt von mir. Es geht um den Inhalt.“ Für mich persönlich war dieses Interview wie die Wegnahme, die Befreiung von diesem permanenten Zwang, dass man stets irgendwie sein muss.
 

 
 

 
Bis zu diesem Zeitpunkt dachte ich immerhin, ich müsste darauf achten immer ich selbst zu sein. Nur hierbei stellt sich mir die Frage: Wer bin ich selbst überhaupt? Wer sind wir überhaupt? Es weiss doch niemand wirklich, wer er oder sie selbst ist. Hinzu kommt die Tatsache, dass man im Grunde genommen immer authentisch ist. Man kann nichts dagegen tun. Der Zwang danach, authentisch sein zu wollen (oder zu müssen) ist demnach also hinfällig. Weil ich ja, wenn ich es ganz genau betrachte, auch dann authentisch bin, wenn ich es versuche nicht zu sein. Wenn ich versuche nicht-authentisch zu sein, bin ich authentisch in dem Sinne, dass ich authentisch - un-authentisch bin.
 

 
 

 
Betrachten wir zum Beispiel einmal das Gesamtwerk des Künstlers Picasso. Picasso hat in seinem Leben unzählige Male den Stil gewechselt. Ein anderes Beispiel ist die Sängerin Madonna. Oder David Bowie. Künstler haben sich immer und immer wieder selbst neu erfunden. Womit sie im Grunde genommen und per Definition nie wirklich authentisch waren. Am Ende aber sind und waren sie es doch, denn immerhin sind und waren sie ja stets sie selbst. Auch dann, wenn sie in eine Rolle geschlüpft sind.
 

 
Ich denke der Inhalt ist tausend mal wichtiger,als der vorherrschende Wahn nach Authentizität. Und diesen Gedanken empfinde ich als befreiend.
 

 
 

 
Und ich habe das Gefühl, dass der Wahn danach, etwas bestimmtes sein zu müssen, aktuell immer mehr hochschaukeln. Wir sollen glücklich sein. Wir sollen authentisch sein. Wir sollen selbstbewusst sein. Wir sollen dies sein und wir sollen das sein. Aber in dem Augenblick, in dem ich darüber nachdenke, ob ich irgendetwas bin oder entspreche, empfinde ich immer so etwas wie einen Zwang. Und ich stelle mich selbst in Frage. Denn in diesen Momenten habe ich das Gefühl, dass ich es nicht bin. Das was ich glaube sein zu müssen. Jedoch denke ich, dass diese Betrachtungsweise nicht der Wahrheit entspricht. Ich denke die Wahrheit ist die, dass schon immer alles in mir selbst vorhanden war und ist. Die vielen Fragen an mich selbst, die Fragen danach ob ich glücklich, ob ich authentisch und ob ich selbstbewusst bin, machen mich wahnsinnig.
 

 
 

 
 

 
Doch wenn ich mir klar mache von alle dem NICHTS sein muss, dann merke ich, dass schon immer alles da war. Und ist. Im Überfluss.